Zu den Modellen
Bereits im Jahre 1983 brachte KATO ein N-Modell des SNCF TGV in den Markt. Schon damals überzeugte das Modell durch gute Detaillierung und ausgezeichnete Fahreigenschaften. Der KATO „ur-TGV“ ist längst vergriffen und mittlerweile zum gesuchten Sammlerobjekt geworden. Höchste Zeit also für eine Neuauflage. Der Ruf danach wurde lauter, so laut, dass er in Japan bei KATO auf offene Ohren stieß und erhört wurde. Ende 2025 wurde das Nachfolgemodell angekündigt, kurz nach Ostern 2026 an den Fachhandel ausgeliefert. Auf den ersten Blick ist der Neue dem Alten sehr ähnlich. Der zweite Blick offenbart aber recht schnell, dass es sich um eine komplette Neukonstruktion handelt. So habe ich mir die 10-teilige Einheit mal vorgenommen und sehr genau betrachtet. Folgende Sets sind bei DM-Toys greifbar:
- Elektrotriebzug Grund-Set TGV Sud-Est 84 Dieppe SNCF Ep.IV 5-teilig Art.-Nr.: 10-2083
- Ergänzungsset TGV Sud-Est 84 Dieppe SNCF Ep.IV 5-teilig Art.-Nr.: 10-2084
- Elektrotriebzug TGV 08 Sud-Est Rouen SNCF Ep.IV 10-teilig Art.-Nr.: 10-2134
Ist etwa schon das Nummernschema ein Zeichen dafür, dass noch weitere Varianten in der Luft liegen?! Schaun mer Mal!
Die Verpackung und die Anleitung
Die jeweils fünf Teile des TGV sind in einer Art Buch mit Kunststoff-Einband verpackt. Der 10-teilige TGV ist in zwei dieser „Bücher“ verpackt, beide Einheiten sind dann in eine attraktiv gestaltete Kartonhülle geschoben. Schlägt man eines der Bücher auf, kommen die Triebköpfe und Mittelwagen zum Vorschein. Sie liegen in passgenau geschnittenen Aussparungen, die in einen stabilen Schaumstoff geschnitten sind. Um ein Scheuern am „Buchdeckel“ zu vermeiden sind die Modelle mit weichen Noppenfolien nach oben abgedeckt. Ich persönlich schätze diese Art der Verpackung sehr, da sie in Betriebspausen eine sichere und ansprechende Aufbewahrungsmöglichkeit bietet. Eine mehrseitige Anleitung informiert reich bebildert über das Modell, die Pflege sowie das Nachrüsten auf Digitalbetrieb und Einbau einer Innenraumbeleuchtung. Die Textpassagen sind in englischer und japanischer Sprache verfasst.
Mechanisches und Elektrisches
Der motorisierte Triebkopf wird von einem fünfpoligen KATO-Motor angetrieben. Er befindet sich in der Mitte des Kopfes, in ein massives Chassis aus schwerem Druckguss eingebettet. Eines der beiden Wellenenden ist mit einer ansehnlichen Schwungmasse ausgerüstet. Zwei Kardanwellen geben das Drehmoment an die beiden Drehgestelle weiter. Messingschnecken greifen dort in die Getriebe, die aus zähem Kunststoff gefertigt sind und für eine Untersetzung der Motordrehzahl sorgen. Auf diese Art sind alle vier Achsen des TGV-Triebkopfes angetrieben. Pro Drehgestell ist ein Rad mit einem Haftreifen versehen. Der hintere, antriebslose Triebkopf unterscheidet sich vom Innenleben grundsätzlich. Innen dominiert Kunststoff, nur ein Metallteil sorgt für ein gewisses Gewicht des Modells. Die Achsspitzen aller Achsen des Zuges sind in Metalllagerpfannen sehr reibungsarm gelagert, was sich in fantastischen Leichtrolleigenschaften absolut wirkungsvoll niederschlägt. Die Radsätze sind als präzise Drehteile ausgeführt und entsprechen von den Maßen der NEM. Die Radsatzachsen bestehen aus Kunststoff, was zwischen den Rädern eine gegenseitige elektrische Isolierung bewirkt. Über die bereits angesprochenen Metallachslagerpfannen wird auch der Beleuchtungsstrom von den Radstummeln abgenommen. Bei beiden Triebköpfen von allen acht, bei den Mittelwagen von vier Rädern. Die Fahr- und Beleuchtungsspannung wird durch senkrecht stehende Kontaktteile ins Innere des Zuges geleitet, wo sie auf federnd in die Wagenböden, beziehungsweise in die Hauptplatine eingelassene Federbleche übertagen wird. Die durch dieses System sichere Stromaufnahme ist KATO-typisch und schon fast legendär. Die beiden Triebköpfe sind mit je einer sechspoligen Digitalschnittstelle nach NEM 651 ausgerüstet. Da die beiden Platinen der Köpfe nicht spiegelverkehrt ausgeführt sind muss beim nicht angetriebenen Kopf bei der Programmierung des Decoders die Fahrtrichtung vertauscht werden.
Die Ausleuchtung der Spitzensignale erfolgt mittels klassischer 3 mm LED und schaltet von dreimal Weiß auf zweimal Rot in der jeweiligen Fahrtrichtung um. Ein Einbau einer Innenraumbeleuchtung ist mit den Von KATO angebotenen Innenbeleuchtungssätzen problemlos möglich. Dafür werden die LED Beleuchtungssätze Art.-Nr.: 11-211 einzeln oder im 6er Set mit der Art.-Nr.: 11-216 angeboten.
Die Triebköpfe sind mit den zwei ersten, folgenden Mittelwagen über Kupplungskinematik geführte Spezialkupplungen aus Kunststoff verbunden. Die restlichen Mittelwagen verfügen über Steckkupplungen, die jeweils in den Wagenboden des folgenden Wagens gesteckt werden. In allen Fällen ergibt sich, gegenüber der alten TGV-Ausführungen, ein wesentlich kürzerer Kuppelabstand.
Die Kupplungen des gesamten Zuges halten im Fahrbetrieb absolut sicher. Neu ist ebenfalls, dass zwei TGV-Einheiten mittels spezieller Kuppelstangen zusammengekoppelt werden können. Es liegen zwei unterschiedlich lange Stangen bei. Mit der Kürzeren können alle Radien, bis hinunter zum Radius 1 (192 mm) befahren werden. Mit der Längeren geht die Doppeleinheit sogar durch enge S-Kurven.
Die Formgebung
Bei der Fertigung des KATO-Modells dominiert hochwertiger Kunststoff. Die Gehäuse der Triebköpfe bestehen aus mehreren präzise gefertigten Kunststoffteilen. Neben dem eigentlichen Gehäuse, das ein Spritzteil ist, bestehen das Dach aus zwei, die komplette Nase, die Nasenspitze aus jeweils einem separaten Formteil. Selbst der „Grill“ mit der Aufschrift „SNCF“ in der Nasenspitze des TGV ist ein eigenes Kunststoffspritzteil. Das alles ist derart exakt, ohne Kleber, fast unsichtbar zusammengefügt, dass es mit bloßem Auge kaum zu erkennen ist. Auch die Wagen bestehen schwerpunktmäßig aus Kunststoff. Für das nötige Betriebsgewicht sorgen in die Wagenböden eingelassene Metallplatten. Die Wagen sind sauber und passgenau verglast. Die Kunststoffscheiben sind sehr genau in die Fensterhöhlen eingepasst und absolut kratzer- und schlierenfrei gefertigt. Sie lassen den Einblick auf die plastisch ausgeführten Inneneinrichtungen zu. Auch die Führerstände der beiden „Triebköpfe sind dreidimensional gemacht. Die bei windschlüpfrigen Eisenbahnfahrzeugen wenigen Details sind haarklein in die Spritzformen graviert worden. Hier ist ein deutlicher Fortschritt gegen über dem KATO-Modell aus 1983 feststellbar. Insgesamt an dieser Stelle ein großes Kompliment an die KATO-Konstrukteure und die Ausführenden für diese tadellose Arbeit. Präzision in Kunststoff!
Über den Farbauftrag und den Druck
In diesem Bereich war der 1983er TGV, vorsichtig formuliert, sehr zurückhaltend, gedruckt wurde dort nur das Notwendigste. Anders beim 2026er-Modell, selbst das Wappen von ROUEN wurden auf die Seitenwand der ersten beiden Wagen nach den Köpfen gedruckt. Der Druck ist sauber, größenrichtig an die richtigen Stellen aufgebracht. Dies geschah, meiner Einschätzung nach, im Tampondruckverfahren. Einige Bereiche sind nach Aufbringung von Sprtitzschablonen Spritzlackiert. Beim vorliegenden Exemplar sind hier leichte Vernebelungen zu sehen, so beim Übergang von den Seitenwänden zum Dach. Die kompletten Inneneinrichtungen der N-TGV sind farblich in einem hellen Grau gehalten. Wer will und kann sollte zumindest die Fußböden mit einer dunkleren Farbe von den Sitzen absetzen. Insgesamt wirkt das 2026er Modell wesentlich frischer im Vergleich zum 1983er KATO-TGV, der doch ein etwas blasserer Eindruck hinterlässt.
Zu den Bildern
Bild 001 - 003.2 Ansichten des KATO TGV
Bild 004 Innenansicht, aufgeräumte Technik
Bild 005 Decoder (ESU LokPilot5) eingebaut
Bild 006 Aufwändige Lichtleiter
Bild 007 - 008 KATO-spezifische Fahrstromaufnahme
Bild 009 - 010 Spezialkupplung Köpfe-erster Wagen
Bild 011 - 012 Kupplung zweier Einheiten
Bild 013 Kupplung des alten KATO TGV
Bild 014 Kupplung des neuen KATO TGV
Bild 015 - 018 Gehäuseteile der neuen KATO TGV
Bild 019 Innenansicht des alten KATO TGV
Bild 020 - 022 Vergleiche, alter mit neuem KATO TGV
Bild 023 Das KATO-Modell, 10-teilig, in seiner Verpackung
Bild 024 Der SBB (!) TGV 112 bei den BLS-Feierlichkeiten zum 75sten Jubiläum in der Schweiz
Bild 025 Das KATO-Modell auf der Anlage unterwegs
Die Fahreigenschaften
Die Erwartungen in diesem Bereich sind groß, schließlich hat man es mit einem KATO-Modell zu tun. Vor dem Test wurden die beiden Köpfe jeweils mit ESU LokPilot 5 digitalisiert. Gefahren wurde die komplette 10-teilige Einheit über viele marktübliche Gleis- und Weichensysteme. Auch das alte ARNOLD-Gleis war dabei, deren Weichen gelten als nicht ganz unproblematisch. Während des gesamten Tests kam es nie zu Entgleisungen, unbeabsichtigtem Stehenbleiben und anderen Betriebsstörungen. Sanft, sehr sanft und absolut ruckfrei setzt sich das Modell schon bei Fahrstufe 1 in Bewegung. Es folgt ein gleichmäßiges Beschleunigen auf Vmax bei Fahrstufe 28. Die dort erreichte Geschwindigkeit ist beängstigend hoch und in der Praxis kaum praktikabel. Hier ist von der sonst üblichen japanischen Zurückhaltung nichts zu spüren, Modell eines Hochgeschwindigkeitszuges hin oder her, das ist zu viel des Guten. Digital habe ich den CV5 von 255 auf 120 und den CV6 auf 40 heruntergenommen, um Abfliegen des schönen Modells zu vermeiden. Das Betriebsgeräusch bleibt aber in jedem Fall im angenehmen Rahmen. Die Zugkraft des Modells ist für die gestellte Aufgabe mehr als ausreichend, Haftreifen und Betriebsgewicht des Triebkopfes von 102 Gramm sei Dank.
Mein Fazit
Als ich von der Ankündigung des neuen TGV zum ersten Mal hörte, war meine Reaktion „brauche ich nicht, hab ich schon“. Dies, zumal ich das betagte Modell schon digitalisiert und mit einem Glockenankermotor umgebaut hatte. Allein das Auspacken des „Neuen“ hat aber schon gereicht, diese vorgefasste Meinung schnell und gründlich zu revidieren. Der 2026er TGV hat mich vollumfänglich überzeugt. So kommt der alte TGV aufs Altenteil in die Vitrine, der neue darf sich digital gezähmt auf meiner Anlage austoben und die Blicke auf sich ziehen.