06/2020 von Klaus Kosack

Neuer Schwerlast-Flachwagen von Fleischmann

Auf der Messe 2020 Kündigte Fleischmann drei Schwerlast-Flachwagen an und zwar als DRB, DB und ÖBB- Modell. Zweifellos stammen die Wagen aus dem Roco-Erbe. Die 4-achsigen Schwerlastwagen wurden im II. Weltkrieg gebaut und dienten u.a. zum Transport von Panzern. Damit war Fleischmann ein flotter Lieferant: Im Januar angekündigt und im April 2020 ausgeliefert.

Vorbild der Wagen

Spätestens 1940 beim Frankreich- Feldzug machte sich der Mangel an geeigneten Transportwagen für Panzer, Geschütze und andere Militärfahrzeuge bemerkbar. Die vorhandenen Flachwagen waren entweder zu schwach oder ließen sich nicht gut be- bzw. entladen, insbesondere für Panzer. Da mussten neue Wagen her, auf die neuen  Panzer der Bauart II und III gut zu verladen waren. Heraus kam ein 10,8 m langes Fahrzeug, dass mit bis zu 52 t beladen werden konnte. Die Wehrmachts-Panzer III hatten ein Eigengewicht von 22 t. Durch die Klappen an der Stirnseite konnten die Wagen gut von Kopf her beladen werden; notfalls war auch eine seitliche Be- bzw. Entladung möglich. Etwa die Hälfte der Wagen hatte eine umklappbare Handbremse. Insgesamt 1.930 Wagen wurden von vier Firmen geliefert; die Firma SGP in Österreich lieferte 1945 weitere Wagen direkt an die ÖBB. Rund 500 Wagen kamen noch zur DB, die sie 1952 zu SSy 45 umbenannte. Weitere Wagen mit unveränderten Maßen beschaffte die DB Anfang der 50er Jahren, u.a. für die US- Besatzer. Mit gleichen Maßen, aber für 100 km/h geeignet, beschaffte die DB die Bauart SSys 55. Von beiden Bauarten wurden weitere 700 Wagen beschafft. Im Gegenzug überließ die USTC der DB beschlagnahmte SSy 45 aus der Kriegszeit der DB. Ab 1988 baute die DB die Wagen um: Sie bekamen neue Drehgestelle der Bauart 661, damit konnte die Höchstgeschwindigkeit auf 100 km/h heraufgesetzt werden. Zur Unterscheidung der alten Bauart Rlmmp 700 wurden sie in Rlmmps 651 umgetauft. Die letzten Rlmmp 700 verschwanden 1991 von der Schiene; die Umbauwagen hielten sich bis Ende der 90er Jahre. Die Bundeswehr hatte ca. 70 Wagen im Bestand, bei der DB waren sie als Privatwagen eingestellt.

Zur DR kamen noch 200 SSy Köln, die sie in 65-40-01 ff ein nummerte. Die ÖBB versah viele ihrer Wagen mit hohen Rungen mit Ketten, damit man auch Baumstämme  transportieren konnte.

Zwei Spielarten gab es bei der DRB: Wagen mit eingezogenen Untergurt und ohne. Letztere wurden in den 50er Jahren von der DB weiter beschafft.

Vorbildskizze des Wagens- Quelle DV 939d, Ausgabe 1967

Keineswegs wurden auf dem Wagen nur Militärfahrzeuge transportiert, sondern alle möglichen schweren Lasten, wie Baumstämme, Brammen, Blechplatten, Maschinen o.ä., sofern sie von der Länge, Breite und Höhe passten. Es kam durchaus vor, dass auf den Wagen Traktoren oder kurze Lkws befördert wurden.

Schwerlastwagen im Modell

Die Neuheit von Fleischmann hatte ursprünglich 1988 Roco entwickelt, im gleichen Jahr erschien auch eine ÖBB- Version. Der Wagen eignete sich hervorragend für viele  (Beladungs-)  Varianten: Bis zum Ende der Firma 2008 wurden 50 Varianten auf den Markt gebracht, meistens als Beladungsvarianten. Beliebt dabei waren Panzer und andere Militärfahrzeuge (25). Häufigste Bahnverwaltung war die DB (22), gefolgt von der RENFE (15) (wobei für mich fraglich ist, ob die Spanier den Wagentyp in Breitspur überhaupt hatten), ÖBB (6), DRB (3), USTC (2) und jeweils 1 von DR und Bundeswehr. Noch nie ist der Wagen in Epoche III der DB als SSy 45 erschienen.  

Konstruktiv ist der Wagen wie folgt aufgebaut: Wagenoberteil und Rahmen aus Plastik, darin ist das Beschwerungsgewicht eingebettet. Die Puffer sind gesteckt; manche Wagen haben eine Handbremse, die in die Pufferbohle eingesteckt ist. Wie damals bei Roco üblich, hatten die Wagen alle keine Kurzkupplungskulisse, sondern die Kupplungsaufnahme war am Drehgestell befestigt.

Hier ein paar Fotos der Roco Schwerlastwagen:

Roco DB Rlmmps 650 mit 2 Panzern M 113
Roco DB Rlmmps 650 mit Panzer Leopard II
Roco Bundeswehr Rlmmps mit 2 Panzern M 113
Roco DR SSy 65 mit zwei Panzern M 113

Minitrix hat ebenfalls einen Schwerlastwagen im Programm gehabt. Es war der größere Bruder des Roco-Modells, der spätere SSyms 46, ein sechsachsiger Wagen, der für den Transport der Panzer u.a. der Bauart Tiger der Wehrmacht diente. Er konnte mit bis zu 82 t beladen werden. Von diesem Wagen wurden 1.250 Wagen gebaut, die DB hatte noch 265 Wagen im Bestand, die bis 1994 ausgemustert waren. Bei der DR liefen die Wagen unter SSyms 65-60-01ff. Sie hatte 113 Wagen im Bestand.

Minitrix DB SSyms 46 beladen mit Blechbrammen
Minitrix DRB SSyms Köln

Kommen wir zur Neuheit von Fleischmann: Als erstes fällt auf, dass die Verpackung kleiner ist, als die von Roco. An der Verpackung wurden 8 cm³ eingespart gegenüber Roco.

Entgegen dem Werksbild von Fleischmann muss der Wagen noch zugerüstet werden.

Minitrix DRB SSyms KölnFleischmann DRB SSys Köln
Fleischmann DB Rlmmp 700

Hierfür liegt in der Schachtel ein Tütchen mit 10 Rungen – zwei mehr als benötigt- und das Geländer der Bremserbühne. Jedoch lässt sich der zugerüstete Wagen nicht mehr in die Verpackung verstauen, sondern muss wieder abgerüstet werden. Bei den Rungen gab es folgendes Problem: Nirgends war beschrieben, wie herum die Rungen einzustecken sind. Beim ersten Versuch standen die Rungen, aber bei der ersten Bewegung machten sie sich wieder selbstständig. Wenn aber der Wagen mit Kettenfahrzeugen beladen wird, sind die Rungen überflüssig.

Beschriftung des DRB Wagens
Beschriftung des DB Wagens

Im Vergleich zu der Produktbeschreibung ab Werk fällt ferner auf, dass Fleischmann bei der Beschreibung Fehler gemacht hat: Keiner der beiden Wagen ist ein Rlmmps 651, sondern der DRB-Wagen ein SSys Köln und der DB-Wagen entpuppt sich als Rlmmp 700. Und weil es so schön ist, haben sich die Fleischmänner auch bei der Bezeichnung des ÖBB (richtig wäre Ssy) vertan.

Schwerlast-Flachwagen von unten- oben Roco (Bundeswehr) unten Fleischmann
Kupplungsaufnahme des Fleischmann SSys

Nimmt man den Wagen in die Hand, so fallen die roten Bauteile an der Kupplung auf. Ein Vergleich mit dem Roco-Wagen zeigt, dass an dieser Stelle Fleischmann den Wagen umgebaut hat, denn der Roco-Wagen hat die Kupplungskammer am Drehgestell befestigt; das ist auch beim Fleischmann-Modell der Fall, nur durch das rote Bauteil kann jetzt auch die neuere NEM-Steckkupplung verbaut werden. Offenbar hat man hier eine Überproduktion für eine andere Lok (BR 44?) verbaut. An dieser Stelle können auch andere Kupplungen, wie z.B. die Fleischmann-Profi-Kupplung, Kupplungsstangen (z.B. von MU) oder die PEHO-Clipskupplung verbaut werden. Wem das Rot nicht gefällt, kann zum Pinsel oder Edding greifen und das Bauteil schwärzen. Mit der PEHO-Kupplung kann der 7 mm Pufferabstand um ca. 3 mm verkürzt werden.

Kupplungsabstand ab Werk
Abstand mit PEHO- Clipskupplung

Ein Blick auf das Unterteil des Wagen birgt eine weitere Überraschung: Hier prangt an der gleichen Stelle noch das ROCO- Logo am Wagenboden.

Einsatz auf der Modellbahn

Wie schon erwähnt, kann der Wagen für vielerlei Zwecke auf der Anlage eingesetzt werden. Eine Option als Miliärfahrzeug mit Panzern o.ä. beladen. Das muss aber- damit es glaubwürdig wird, ein Zug mit 10 bis 15 Wagen sein. Darin können auch Schwerlastwagen anderer Bauart enthalten sein. Als Einzelwagen können sie in allen möglichen Güterzügen eingestellt werden, wenn es um den Transport von schweren Lasten geht. Für zivile Zwecke –dann meistens als Ganzzug- auch mit Blechbrammen, die einem metallverarbeitenden Betrieb zugeführt werden. Oder natürlich auch als Leerwagen, wo (gedanklich) das Gut schon entladen wurde und der Wagen wieder zurück fährt. Man sieht es gibt eine Reihe von Möglichkeiten.  Zugloks in Epoche II könnte die BR’n 50, 52 oder 42 sein; in Epoche IV Dampfloks der BR’n 050ff oder 044, sowie 215, 216 oder 211 oder 212. Auch die 220 oder 221 ist nicht verkehrt.

Fazit

Einmal mehr hat Fleischmann auf seinen Roco- Fundus zurückgegriffen und einen Güterwagen der Regelbauart wieder aufgelegt. Hervorstechend ist die „volkstümliche“ UVP von knapp 19 €, dafür kann man m.E. auch über ein paar Schnitzer hinwegsehen.  Zum Thema Varianten: Roco hat es schon vorgemacht: Der Wagen eignet sich bestens für alle möglichen Beladungsvarianten. Vielleicht gibt es noch aus dem Roco-Erbe die Formen für Panzer, insbesondere der kurze M 113, der u.a. ein Artillerie-Beobachtungspanzer war und zwei Panzer bestens auf den Wagen passen.

Welche Varianten sind möglich und sinnvoll? Was fehlt, ist keine Frage, ein DB Modell der Epoche III als SSy 45. Offenbar hatte Roco eine Aversion für die Epoche III; Fleischmann bislang auch, denn es gibt noch kein Wagen der Bauart SSy 45. Da der SSy Köln bis 1945 auf Kriegsschauplätzen im Einsatz war, sollten die beteiligten Bahnverwaltungen im Westen, Süden und Osten den Wagen als Strandgut des Krieges bekommen haben. Denn nur 700 der 1850 gebauten Wagen kamen zur DB bzw. DR. Kann mir nicht vorstellen, dass die übrigen 1150 Wagen allesamt Kriegsverluste waren. Wenigstens 10 Staatsbahnen könnten den Wagen nach dem Krieg übernommen haben.  Ferner wäre zu überlegen, ob der Wagen auch mit betriebsbedingter Verschmutzung geliefert werden kann.

 

Klaus Kosack

 

Lit.: St. Carstens/ P. Scheller, Güterwagen Bd. 8- Drehgestell-Flachwagen, Fürstenfeldbruck 2016

DB (Hrsg.) DV 939d- Ausgabe Jan. 1967, Minden 1967

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