Es gab schon einmal ein Modell der E 60 in N – von Roco. Im Katalog von 1981/82 wurde es erstmals vorgestellt. Im N-BAHNER Nr. 26 lautete damals das Fazit: „Schade, dass die Fahreigenschaften nicht annähernd das halten können, was die faszinierende Optik verspricht.“
Es war also höchste Zeit, dass ein Nachfolgemodell mit viel besseren Fahreigenschaften erscheint. Das Warten (hat es sich gelohnt?) hat ein Ende. Hobbytrain hat die E 60 nun endlich ausgeliefert.
Das Vorbild
Nachdem in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Bayern immer mehr Strecken elektrifiziert wurden, wollte die Reichsbahn für ihre größeren Bahnhöfe auch elektrische Rangierlokomotiven.1926 wurden zunächst zwei bei der AEG bestellt, die 1927 als E 60 01 und E 60 02 geliefert wurden. Bis 1934 wurden insgesamt 14 E 60, bei deren Bau viele Bauteile der E 91 und E 52 verwendet wurden, in Dienst gestellt. Sie waren in den Betriebswerken in München, Rosenheim und Garmisch stationiert.
Die Loks hatten einen Schrägstangenantrieb mit Blindwelle, eine Leistung von 1460 PS und eine Höchstgeschwindigkeit von 55 km/h.
Bei der Deutschen Bundesbahn wurden u.a. an beiden Enden Rangierbühnen angebaut, und der ursprünglich grüne Anstrich in einen roten geändert. Jetzt waren sie auch in Heidelberg, Freilassing und Treuchtlingen im Einsatz. 1983 wurde die letzte E 60 dann ausgemustert.
Hier kann die Beurteilung fast eins zu eins vom früheren Test der Hobbytrain E 63 übernommen werden. Nein, es ist nicht die Faulheit des Schreiberlings, es ist der Tatsache geschuldet, dass man sich bei Hobbytrain auch bei der E 60 große Mühe gegeben hat.
Vergleiche mit Vorbildfotos zeigen, dass die kleine Lok optisch hervorragend gelungen ist. Das beginnt beim filigranen, funktionslosen Dachstromabnehmer – der leider in der Höhe wieder nicht einstellbar ist - und endet beim angenehm dunklen Rot der Räder mit durchbrochenen Speichen und hervorstehenden Gegengewichten.
Die Treibstangen sind leider wieder, wie schon bei der E 63, nicht sauber rot ausgelegt. Hier muss der N-Bahner mit einer ruhigen Hand zum Pinsel greifen.
Das dunkelrote Lokgehäuse kann mit zahlreichen Klappen, Lüftungsöffnungen, und sehr zierlichen Handläufen punkten. Die größenrichtigen Beschriftungen an Rahmen und Aufbau sind randscharf gedruckt und mit der Lupe lesbar. Die Maße für den Gesamtachsstand, den Raddurchmesser und die Länge über Puffer sind exakt eingehalten. Das Optik-Fazit: Besser geht´s kaum…
Die Lok fährt bei einer Fahrspannung von 2 Volt etwas ruckartig an, kann dann auf 1,7 Volt heruntergeregelt werden, und fährt nun mit umgerechnet 27 km/h ruhig und gleichmäßig dahin.
Direkt über Zahnrad wird nur die mittlere Treibachse angetrieben, die beiden anderen und die Blindwelle werden durch die Treibstangen „mitgenommen“. Aufgrund einer sehr sicheren Stromabnahme an den drei Antriebsachsen bereiten dem Modell dabei auch Weichen mit Kunststoffherzstücken keine Probleme. Lediglich auf Arnold-Kreuzungsweichen benötigt sie eine etwas höhere Geschwindigkeit, um hier nicht stehen zu bleiben.
Auf diesen DKWs kommt sie auch leicht ins Wackeln.
Ansonsten bleibt sie überall bis zu ihrer deutlich zu hohen Endgeschwindigkeit völlig ruhig im Gleis liegen – kein Wackeln, Taumeln oder Wanken. Das Fahrgeräusch ist in allen Geschwindigkeitsbereichen angenehm dezent und zurückhaltend. Auch hier gilt wieder, wie schon bei der E 63: Ja, sie ist eine „Rennsemmel“ – macht aber nichts, weil sie im unteren Geschwindigkeitsbereich sehr feinfühlig regelbar ist, und ja niemand gezwungen wird „voll aufzudrehen“. Ein deutlicher Auslauf bei Ausbleiben des Stromes ist trotz Glockenankermotor und Schwungmasse nicht festzustellen, dazu ist letztere einfach zu klein.
Der Lichtwechsel weiß/rot ist bereits bei niedriger Geschwindigkeit deutlich zu sehen.
Die N-Standardkupplungen stecken in einem Normschacht mit Kurzkupplungskinematik. Das Rangieren mit ihnen klappt wunderbar, weil sie sehr leichtgängig sind und sicher ein- und auf Entkupplungsgleisen auch wieder entkuppeln.
Sorry – schon wieder wie bei der E 63:
Laut Anleitung muss das Gehäuse zur Wartung nicht abgenommen werden. Das kann eigentlich nur bedeuten, dass einzig das am Fahrzeugboden offen liegende Zahnrad sehr selten etwas Öl oder Fett bekommen sollte. Und ein Glockenanker-Motor soll ja nicht geölt werden.
Und das ist auch gut so, denn das Öffnen der Lok ist nicht ohne und ist, wieder laut Anleitung „nur versierten Modellbahnern zu empfehlen.“ Mit dem Lösen zweier Schrauben am Unterboden ist es nämlich nicht getan. Und die dann abzunehmenden Griffstangen und Leitern später wieder anzubringen, dürfte ein Geduldsspiel werden. Bei aller Filigranität des Modells: Muss der Aufbau wirklich so kompliziert sein? Den Analogbahner wird´s nicht stören – er muss die E 60 ja nicht öffnen, und er wird auch das rote Schlusslicht nicht abschalten wollen. Und der Digitalist kann ja gleich eine digitalisierte Version erwerben.
Die E 63 schließt, nachdem das Roco-Modell schon lange nicht mehr angeboten wird, eine wichtige Lücke im N-Bahn-Fahrzeugpark. Und das macht sie mit Bravour! Die Optik und die Fahreigenschaften sind über jeden Zweifel erhaben. Das genaue Betrachten der Lok und das Rangieren mit ihr macht einfach Freude. Weniger Freude macht im ersten Moment der Preis von 180 Euro.
Doch bei Würdigung aller zahlreich vorhandenen Vorteile des Modells erscheint er dann doch noch angemessen.
Das Warten hat sich gelohnt!
Jürgen Plack