01/2016 von

Mädchen für alles – die BR 38 von Minitrix

Das Vorbild

Im Jahre 1905 begann der Lokomotiv-Hersteller Schwartzkopff in Berlin mit dem Bau einer vom damaligen preußischen Lok-Dezernenten Robert Garbe entworfenen, dreifach gekuppelten Heißdampf-Lokomotive. Es sollte eine Schnellzug-Lok mit einer Höchstgeschwindigkeit von 110 km/h entstehen. Im Sommer 1906 wurde dann die erste preußische P 8 abgeliefert.

Aufgrund starker Zuckbewegungen bei höheren Geschwindigkeiten beließ man es jedoch bei 100 km/h, auch dann, als sich die Laufeigenschaften nach zahlreichen Änderungen gebessert hatten. Zwischen 1906 und 1930 wurden von allen großen deutschen Lokomotiv-Herstellern insgesamt 3946 Exemplare der P 8 gebaut, wovon 3556 an deutsche Bahnverwaltungen gingen.

Die BR 38 war über fast sieben Jahrzehnte lang vor allen Zuggattungen mit Ausnahme des schweren Schnellzug- und Güterzugdienstes anzutreffen. Selbst Einsätze vor dem legendären Rheingold sind belegt. Sie war eine der wirtschaftlichsten, zuverlässigsten und langlebigsten Lokomotiven, und beim Personal wegen ihrer „Gutmütigkeit“ sehr beliebt. Bei der DB, wo zahlreiche 38er noch einen Wannentender erhielten, wurde das letzte Exemplar erst 1974 ausgemustert.

Ein N-Modell der BR 38 brachte Fleischmann erstmals 1971 auf den Markt – mit einer für die damalige Zeit sensationellen Detaillierung. Bis heute wird es in immer wieder neuen Varianten angeboten. Ganze 45 Jahre später hat nun Trix sein P 8-Modell als Epoche-IIIa-Variante der frühen Deutschen Bundesbahn vorgestellt.

Die Optik

Das Gesamterscheinungsbild einer P 8 hat Minitrix hervorragend getroffen. Bei genauerem Hinsehen fallen dann die etwas dicken Radreifen negativ auf – auf Fotos ganz besonders, „in Echt“ schon weniger und beim Einsatz auf der Anlage kaum noch. Es hätte aber trotzdem nicht sein müssen... Die Lampen könnten etwas dünnere „Füße“ haben, aber hier gilt das Gleiche wie bei den Radreifen. Am Metallkessel sind zahlreiche Leitungen vorhanden, die alle nur angespritzt und nicht freistehend sind. Ob das schlimm ist, muss jeder N-Bahner für sich selbst entscheiden – mich als „Betriebsbahner“ stört es nicht. Im Gegenteil – was nicht freistehend ist, kann auch nicht abbrechen.


Kommen wir zu den vielen positiven Seiten der Optik: Das angenehm seidenmatte Schwarz von Kessel und Tender kann ebenso überzeugen, wie das gut getroffene, nicht zu helle Rot des Fahrwerks. Alle Räder der Lok sind durchbrochen, die des Tenders – anders als auf dem „Titelbild“ der Betriebsanleitung zu sehen - nicht. Das dürfte aber nur aus der „knieenden Preiserperspektive“ auffallen, und auch dann nur bei kräftigem Gegenlicht. Die Räder sind größenrichtig ausgefallen, ebenso der für die 38 so charakteristische große Abstand zwischen zweiter und dritter Kuppelachse. Die filigranen Triebwerkstangen können ebenso überzeugen wie die zahlreichen Leitungen unter dem Führerhaus (die beim Fleischmann-Exemplar bis heute fehlen).


Die Beschriftung an Lok und Tender ist extrem fein und randscharf gelungen und mit der Lupe lesbar. Die Puffer an Lok und Tender haben je einen gewölbten und einen flachen Teller, was leider auch heute noch immer nicht selbstverständlich ist. Die Kohlen im Tender glitzern so schön, dass man sie beinahe für echt halten könnte. Der etwas zu große Abstand zwischen der Lok und dem kulissengeführten Tender ist geschickt durch zwei sehr flexible, gummiartige Tendertüren kaschiert, so dass sich ein schön geschlossenes Gesamtbild ergibt. Wenn man auf die vordere, am kulissengeführten Drehgestell angebrachte Normkupplung verzichtet, können noch beiliegende Schienenräumer angebracht werden. Auch die Kupplung am Tenderende ist kulissengeführt, wollte aber bei unserem Testmuster nicht immer „freiwillig“ in die Mittestellung zurück.
Der Original-Kupplungshaken und die Bremsschläuche an der Pufferbohle sind nur recht flach angedeutet. Früher lagen diese Teile, ebenso wie Kolbenstangenschutzrohre einmal zum Nachrüsten bei. Bei dem doch recht hohen Preis wären auch eine Lokführer- und eine Heizerfigur eine nette Zugabe...



Die Technik

Auf´s Gleis gestellt und vorsichtig den (analogen) Regler aufgedreht. Unser Testmuster fährt ruckfrei und schön weich an. „Steuerung umlegen“ auf Rückwärtsfahrt: Die 38 zuckt leicht nach vorne, um dann ebenso weich rückwärts anzufahren. Noch mal Vorwärtsfahrt: erst leichtes Zucken nach rückwärts, dann Schleichfahrt vorwärts. Unschön – da scheint wieder einmal der „Zwangsdecoder“ sein Unwesen zu treiben! Es soll allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass ein anderes Exemplar der Minitrix BR 38 diese Unart nicht hatte. Trotzdem darf wieder einmal die Frage gestellt werden, wie es mit der Endkontrolle beim Hersteller aussieht.



Bei Rückwärtsfahrt fällt dann noch ein deutlich hörbares, unschönes Knackgeräusch auf. Dieses wird nach einigen Einfahrrunden deutlich leiser, verschwindet aber nicht ganz. Ansonsten erzeugt das Modell bis zur Höchstgeschwindigkeit ein nur sehr geringes, angenehmes Fahrgeräusch und liegt dabei absolut ruhig im Gleis, nur auf Kreuzungsweichen zittert es leicht. Dank der Stromabnahme von allen Treib- und Tenderrädern ist Schleichfahrt über Weichen mit Kunststoff-Herzstücken und über Kreuzungsweichen ruckfrei möglich. Das mit der Fahrtrichtung wechselnde Zweilicht-Spitzensignal ist frühzeitig deutlich sichtbar, die LEDs dürften allerdings etwas „funzeliger“ leuchten.

Der Antrieb der Lok erfolgt durch einen Glockenankermotor im Kessel auf die mittlere Treibachse. Die beiden anderen Achsen werden über die Kuppelstangen mitgenommen. Direkter Antrieb auf alle Treibachsen wäre auf lange Sicht vermutlich sicherer. Dank zweier Haftreifen und eines Gewichtes von 81 Gramm (ohne Tender ca. 50 Gramm) ist die Zugkraft mehr als ausreichend. Nicht ausreichend ist allerdings die Wirkung der Schwungmasse. Sie ist so klein, dass sie diesen Namen eigentlich nicht verdient, und nur als Werbeargument dienen kann.

Wartung und Pflege

Dazu sagt die Betriebsanleitung auf einer einzigen Seite nur aus, dass die Lokräder mit der Minitrix-Reinigungsbürste gesäubert werden können, und dass nach 40 Betriebsstunden die Achslager der Treibachsen und die Achsmitten der Tenderräder geölt werden sollen. Laut Anleitung liegen dort Achsschleifer an, die aber am Modell nicht vorhanden sind. Tz, tz,tz... Zum Wechsel der beiden Haftreifen, die nicht einmal in der Ersatzteilliste aufgeführt werden, zum Öffnen der Lok und zum Motor werden keinerlei Angaben gemacht. Dafür heißt es: „Teile, die hier nicht aufgeführt sind, können nur im Rahmen einer Reparatur im Märklin-Reparatur-Service repariert werden.“ Soll die Lok also bei einem nötigen Haftreifenwechsel wirklich eingeschickt werden? Das kann doch nicht sein!

Das Fazit

Minitrix hat mit seiner BR 38 ein im Erscheinungsbild stimmiges, und mit guten Fahreigenschaften versehenes Modell auf den Markt gebracht. Schade, dass es (zunächst?) nur mit „Zwangsdecoder“ erhältlich ist. Der Analogfahrer zahlt also (UVP 399,99 Euro) für zahlreiche, von ihm nicht abrufbare Betriebsgeräusche mit. Für die noch nicht lieferbare Variante mit Wannentender ohne „Digital-Schnicknack“ hat Minitrix eine UVP von 339,99 € vorgesehen, was angesichts des Gebotenen dann doch immer noch deutlich überhöht erscheint.

 

Aktuell ist bei uns die DB, Epoche III, Trix 12420 und die KPEV Epoche I, Trix 16381 ausgeliefert!

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