10/2014 von

Liefertermine? Gibt es nicht mehr!

Da es bei sämtlichen Messen und Veranstaltungen immer wieder ein Thema ist, möchten wir an dieser Stelle wieder einmal eine generelle Sache abhandeln.

Früher war es ja mal so, dass die Hersteller (oder zumindest die meisten) ihre Neuheiten auf der Spielwarenmesse in Nürnberg für das Jahr angekündigt hatten, in dem sie dann normalerweise auch erschienen sind – einige konnten es sich sogar erlauben, den Erscheinungsmonat zu nennen. Mit Verlaub – heute geht so etwas ganz einfach gar nicht mehr, das kann sich keine Firma mehr leisten. Oder anders gesagt, kein Hersteller kann heutzutage noch so exakte Angaben machen wie damals, weil sich sämtliche Gegebenheiten grundlegend geändert haben. Es gibt ja mittlerweile kaum noch Firmen, die hier in Deutschland in den eigenen Produktionsstätten produzieren und die alles unter einem Dach haben, so wie das früher einmal war. Da konnten sich Entwickler, Konstrukteure, Produktmanager und Fertigungsleiter noch „schnell mal“ zusammensetzen, wenn es ein Problem gab und man konnte oft unglaublich schnell auf Schwierigkeiten direkt reagieren. Man wusste aus der Erfahrung vieler Jahre genau, wie lange man in etwa für bestimmte Arbeiten brauchte und konnte einschätzen, wie schnell man Probleme zu beheben in der Lage sein würde. Wenn etwas unklar war, ging man einfach hin und klärte es. Persönlich, direkt und ohne großen Zeitverlust. Dadurch war es möglich, alle Faktoren mit einzuplanen und Zeiten ziemlich exakt zu berechnen. Ebenso war es möglich, verloren gegangene Zeiten durch direkte Maßnahmen wieder aufzuholen – da wurden notfalls Wochenendschichten oder Überstunden angeordnet, wenn es mal „brannte“...

Heutzutage sind so manche „Abteilungen“, die sich früher unter einem Dach befanden, zum Teil eine Tagesreise oder weiter voneinander entfernt. Hinzu kommt der Umstand, dass unterschiedliche Sprachen im Land der Produktion und des Managements gesprochen werden. Die verschiedenen Arbeiten werden an völlig verschiedenen Orten erledigt – da legt z.B. das Land A fest, welches Modell gemacht werden soll, im Land B wird die Vorbildrecherche gemacht, im Land C wird das Modell konstruiert und im Land D wird es produziert, um dann von dort wieder ins Land A verschifft zu werden. Kaum vorstellbar, nicht wahr? Ich denke, dass sich aber nahezu jeder vorstellen kann, was da alles für Kuddelmuddel möglich ist und wie viele Problem- und Gefahrenstellen dieses System in sich birgt. Mit „schnell mal dies oder jenes“ ist da nichts mehr zu wollen und es dauert oft sehr lange, bis etwas wirklich funktioniert bzw. bis man sich so verständigt hat, dass der nächste Schritt getan werden kann. Die Abläufe sind einfach ganz anders als früher. Und deshalb kann man heute nur in den seltensten Fällen vorher sagen, wie lange etwas dauern wird – es hängt einfach von viel zu vielen Faktoren ab!

Was bedeutet das nun für die Hersteller und damit auch für den Modellbahner? Es bedeutet ganz einfach, dass ein neues Modell z.B. im Jahr 2013 zwar angekündigt wird, doch kann nicht mehr definitiv gesagt werden, wann dieses neue Modell auf den Markt kommen wird. Die Ankündigung sagt also lediglich aus, dass der Hersteller dieses Modell machen wird und dabei ist, die Herstellung vorzubereiten oder auch bereits vorbereitet hat. Dabei kann aber nichts darüber gesagt werden, wie lange die noch zu erledigenden Arbeiten dauern werden. Denn alle noch nötigen Vorgänge müssen erst durchlaufen werden und für alle können keine Zeitangaben gemacht werden.

Für die Vorbereitung zur Herstellung eines Modells ist in der Regel folgendes nötig: Festlegen der Versionen, Betriebsnummern, Lackierungsvarianten usw., gefolgt bzw. begleitet von Vorbild-Recherche, Beschaffung von Fotos, Zeichnungen, Infos und dem entsprechenden dazu nötigen Knüpfen von Kontakten, Nachfragen bei Firmen, Bahn (was heutzutage viel schwieriger ist als früher, denn jede Bahn-Tochter ist eigenständig und z.T. Konkurrenz zur anderen) oder Vereinen und dem Warten auf Antworten oder auf Material, welches diese erbringen sollen oder wollen. Danach Auswerten des Materials, Zusammenstellen der relevanten Informationen für den Konstrukteur, evtl. Fotografier-Sessions beim Vorbild (soweit vorhanden) und vorher Einholen von Genehmigungen und ähnlichem.

Dann folgt die Konstruktion des Modells – auch hier kann man nie sagen, wie lange es dauern wird. Das kann zwischen ein paar Monaten und zwei Jahren sein – je nachdem, wie viele Informationen vorhanden sind und ob man evtl. auf Schwierigkeiten stößt und noch Infos nachliefern muss. Darauf folgt die Herstellung der Form(en) und das stetige Kontrollieren aller Prozesse. Wenn die Form fertig ist kann es immer noch sein, dass man nachbessern muss. Bei einem Triebfahrzeug wird parallel zum Fahrzeug-Gehäuse der Antrieb konstruiert. Auch hier muss wiederum alles zusammen passen. Erst wenn das alles funktioniert und aufeinander abgestimmt ist, kann man in die Produktion gehen. Seit der Modellfestlegung bis hierher können ein bis drei Jahre vergehen. Sind alle Teile hergestellt, muss lackiert und bedruckt werden. Der nächste Schritt ist die Montage. Es folgen das Verpacken und der Versand dorthin, wo das Ganze verkauft werden soll. Ich denke, mehr muss dazu nicht mehr geschrieben werden. Denn unter Berücksichtigung des bisher Geschriebenen dürfte spätestens jetzt jedem klar sein, dass es bei all diesen Prozessen – die an unterschiedlichen Orten und unter teils völlig unterschiedlichen Voraussetzungen stattfinden – unmöglich ist, heutzutage verbindliche Termine für das Erscheinen eines Modells festzulegen.

Das Unglaubliche ist nur: Dieses ganze Kuddelmuddel ist tatsächlich immer noch preisgünstiger als alles zusammen hier in Deutschland unter einem Dach zu produzieren – und das ist genau der Punkt, um den sich eben heutzutage alles dreht! Denn obwohl durch diese Vorgehensweise so viele Fehlerquellen entstehen, obwohl alle Beteiligten sehr viele Probleme bewältigen müssen und oft Nerven lassen, und obwohl sich das alles so unvernünftig, unmöglich und unwirtschaftlich anhört, so ist dies dennoch aktuell die einzige Möglichkeit, unsere schönen Modellbahnen zu Preisen zu produzieren, die noch bezahlbar sind – ob Sie’s glauben oder nicht. Deshalb ist es wohl besser, ein Achselzucken der Hersteller in Kauf zu nehmen, wenn es um die Nennung eines Liefertermins geht – und auf ein angekündigtes Wunschmodell so lange zu warten, bis es eben da ist und sich dann darüber zu freuen, als sich über ewige Lieferverzögerungen aufzuregen, meint

Ihr Manfred Böbel

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