05/2017 von

Ein Sonderling - der "Jura-Pfeil" von Fulgurex

Auf den Strecken von La Chaux-de-Fonds nach Neuenburg und Biel - Le Locle verkehrte seit dem November 1938 dieser Schnelltriebwagen. Am 22. Mai 1938 wurde der Triebwagen erstmals unter dem Namen "Flèche du Jura" in Betrieb genommen. Er versorgte vorerst den Eilzugsdienst im Schweizer Jura, wurde aber auch für Sonderfahrten in der ganzen Schweiz benutzt.

Ab 1956 wurde das Fahrzeug neu lackiert und als RBe 2/4 no 621 und später als no 1010 beschriftet und vorerst dem Depot Lausanne zugeteilt. Ab 1962 erfolgte eine weitere Umstationierung; diesmal zum Depot Rohrschach. Seine Aufgabe bestand dort in der Führung von Zügen der "Bodensee-Region". Das Fahrzeug wurde schlussendlich 1978 abgebrochen und die Teile via einer Versteigerung an Sammler verkauft.

FULGUREX hat diesen interessanten Triebwagen schon seit einiger Zeit angekündigt und hat dies nun in die Tat umgesetzt. Hergestellt in Kleinserie aus Messing und ausschliesslich in Handarbeit sind 4 verschiedene Versionen zur Auslieferung gekommen. Eine Herausforderung ist sicherlich die komplette Innenraumgestaltung (mit Beleuchtung), trotz eingebautem DCC Decoder (eine analoge Version ist ebenfalls bestellbar) und Antriebseinheit. Ein Kupplungsschacht nach den NEM-Normen mit deren steckbaren Kupplungen ist ebenfalls der Standart bei unseren Modellen. Die Serie ist, wie immer bei FULGUREX-Modellen, auf Total 250 Stück limitiert.

Aus dem Leben dieses Triebwagens

In den Jahren 1931 bis 1934 wurden die SBB-Linien Neuchâtel - La Chaux-de-Fonds - Le Locle - Biel elektrifiziert. Das dadurch verbesserte Fahrplanangebot blieb aber weitgehend aus. Dies machte dem Tourismus und dem gesamten Jura sehr zu schaffen. Die Bevölkerung dieses Einzugsgebietes gründete demzufolge eigenmächtig eine Stiftung Namens "Flèche du Jura" und es gelang sogar am 15. März 1937 mit der SBB einen Vetrag abzuschliessen um einen speziellen (touristischen) Triebwagen zu beschaffen.
 
Die Stiftung "Flèche du Jura" verpflichtete sich einen Teilbetrag von CHF 172'000.-- für diesen Triebwagen zur Verfügung zu stellen. Dieses Geld wurde hauptsächlich aus Beiträgen der div. Gemeinden, Spenden usw. organisiert. Auch die Aemter für Arbeitsbeschaffung und Tourismus beteiligten sich daran. Der Triebwagen kostete übrigens CHF 240'000.--; die SBB musste lediglich CHF 68'000.-- aus eigener Tasche bezahlen und da der Wagen Eigentum der SBB blieb, war dies vermutlich für die schweizerische Bahngesellschaft der billigste Triebwagen aller Zeiten.
 
Der Triebwagen wurde am 28. November 1938 ausgeliefert. Ein für diese Zeit revolutionäres Fahrzeug, mit Drehgestellen (SIG Neuhausen) die nie zuvor an einem Fahrzeug gestestet wurden. Der Bau des Triebwagens stand unter der Obhut von SLM Winterthur. Der Stiftung gelang es sogar sich mit einer Sonderfarbe (resedagrün) und Schriftzug "Flèche du Jura" bei der SBB durchzusetzen. Bezeichnung des Fahrzeuges war Ce 2/4 no 701.
 

Das Pflichtenheft verlangte eine recht bescheidene Leistung von 455kW oder umgerechnet 620 PS. Das Fahrzeug war damals mit den ebenfalls neuen "Roten Pfeilen" verwandt. Die tägliche Kilometerleistung betrug rund 500 km, was für die damalige Zeit ausserordentlich hoch war. Der Ce 2/4 durfte die "Jura-Strecken"  nur in Alleinfahrt befahren.
 
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das stark eingesetzte Fahrzeug zusätzlich noch für den Regionalverkehr der StreckeBiel - Le Landeron eingesetzt und ebenso für allerlei Sonderfahrten in der ganzen Schweiz benutzt. Der Schriftzug "Flèche du Jura" verschwand (die Stiftung gleichen Namens hatte sich während den Wirren des zweiten Weltkrieges aufgelöst). Anstelle des Schriftzuges wurde das damalige Signet der SBB/CFF/FFS mit dem mittig rotem Schweizerkreuz aufgesetzt; die hellgrüne Farbe blieb aber noch bis 1954 bestehen. Die Bezeichnung war jetzt übrigens RCe 2/4 no 621, dies aufgrund einiger Modifikationen an Fahrwerk, wie Schneeräumer, besserer Schutz der unter dem Wagenboden angebrachten Stufenhüpfer, Neuwicklung der Transformatoren, Isolatoren, etc.
 

Im Mai 1954 wurde der "Jura-Pfeil" auf seiner Jura-Stammstrecke verbannt und durch einen BDe 4/4 Pendelzug ersetzt. Sein Stammsitz wurde jetzt das Depot in Lausanne. Unter anderem wurde der Triebwagen auch auf der Tonkiner-Linie von St. Maurice über Monthey nach St. Gingolph an der Grenze Frankreich eingesetzt. Gelegentlich war das Fahrzeug sogar bei Sonderfahrten im Tessin anzutreffen. Eine der glohrreichsten Zeiten dieses Triebwagens.
 
Ab 1956 erlebte der "Jura-Pfeil" wieder eine Umbenennung auf RBe 2/4 no 621 und kam in einem neuen Outfit daher. Der neue Anstrich im bewährten SBB-Tannengrün mit dem hellgrauen Chassis (wie die "Roten-Pfeile), dem Schweizer-Kreuz und der Aufschrift "SBB/CFF/FFS" machten aus dem "Jura-Pfeil" ein richtiges Vorzeigefahrzeug der SBB und wohl auch die schönste Ausführung dieses Fahrzeuges. Das Postabteil wurde in einen Apparate-Raum umgewandelt (man plazierte die anfälligen Stufenhüpfer-Aggreate darin). Das Fahrzeug wurde wiederum, neben seinem Stammplatz Lausanne und Tonkin-Strecke, für allerlei Sonderfarten in der ganzen Schweiz eingesetzt.
 

Ab 1959 erhielt der Triebwagen seine letzte Umbenennung auf RBe 2/4 no 1010. im Jahre 1961 wurde der Triebwagen in einen Zusammenstoss verwickelt. Der Führerstand no 1 wurde dabei leicht eingedrückt und hätte das Schicksal des Wagens besiegelt, wenn nicht die SBB infolge der anstehenden EXPO 64 auf alle Triebfahrzeuge angewiesen war. Glück im Unglück; der Wagen wurde im Rahmen einer R3 neu instand gestellt und entging so dem Todesurteil. Die Beschriftung wurde im Gleichen auch auf links "SBB-CFF" und rechts komischerweise auf "SBB - FFS" geändert.
 
Acht Jahre später wurde der Stammplatz des "Jura-Pfeil" erneut verlegt; diesmal an den Bodensee ins Depot Rorschach. Dort übernahm er als "Verbindungszug" die Strecke Kreuzlingen - Konstanz; die Tagesleistung war gerade mal 34 Kilometer..... und dies erst noch auf ebener Srecke. Ab 1967 war's dann mit diesem "Ferien-Job" vorbei und es ging wieder in die Berge; diesmal, zugeteilt dem Depot Winterthur, auf die Strecke Bauma - Hinwil - Wetzikon; Tagesleistung markante 392 Kilometer. Zuviel für den "alten Herr"; oft machte er schlapp.... Ab 1968 ersetzte ihn deshalb eine Be 4/6 auf dieser Strecke.
 
Ab 1969 erblickte man diesen Triebwagen abermals in Rorschach. Dort übernahm er den Betrieb zwischen Rorschach und Rorschach-Hafen. Für die unterdessen arg in Mitleidenschaft genommenen Fahrmotoren war aber dieser Betrieb noch zuviel. Doch noch einmal Instand gestellt, nahm er 1971 ein letztes Mal den Betrieb zwischen Rorschach - Hafen unter die Räder. Seine Höchstgeschwindigkeit betrug noch ganze 60 kmh.....
 


 
Wie seine Entstehung war auch der Abgang des "Jura-Pfeils" etwas Ausserordentliches. Er war eben ein Sonderling. Am 24. März 1977, zwei Monate vor seiner Pensionierung, erlitt der Triebwagen einen grösseren Schaden. Eine Reparatur rechtfertigte sich natürlich nicht mehr. Man wusste nicht so genau was machen mit dem Ding. Er fristete noch bis 1978 sein Dasein auf einem Abstellgleis hinter dem Depot Rorschach. Da in Rorschach gerade ein Depot-Fest mit einem "Tag der offenen Tür" anstand, kam ein Mitarbeiter auf die Idee den 1010, wie er in der Ostschweiz genannt wurde, nicht einfach abzubrechen, sondern seine Einzelteile an Liebhaber zu veräussern. An einem Bazar konnten Schilder Lampen, Aschenbecher (es durfte in dem Wagen noch geraucht werden), Toilette, Fenster, Isolatoren kaufen....., ja sogar ein ganzer Führerstand wurde an einen Sammler verkauft.
 
Der "Jura-Pfeil" hatte während seiner Dienstzeit eine etwas spezielle Berühmtheit erlangt, dies auch durch seine inovativen technischen Neuheiten. Einmalig in seiner Zeit war auch seine Entstehungsgeschichte. Lange bevor in den anderen Kantonen erstmals über eine finanzielle Beteiligung an der Eisenbahn diskutiert wurde, nahm das Volk im Jura die Verbesserung der Verkehrssituation in ihrer Heimat selber in die Hand und wurde somit Vorreiter der heutigen Finanzierungsmodelle für S-Bahnen und Nebenlinien.

Text und Bilder von Fulgurex

Fulgurex Jura-Pfeile bei DM-Toys

 

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