04/2018 von

Der neue 63 m³ Kesselwagen von Brawa

In den 30er Jahren erlebte die Motorisierung in Deutschland einen enormen Aufschwung. Hinzu kam, dass die neuen Machthaber im Reich die Wiederaufrüstung der Wehrmacht in Angriff nahmen und für Flugzeuge, Schiffe und Heeresfahrzeuge riesige Mengen von Treibstoff brauchten, die in vielen Raffinerien im Reich produziert wurden, die Lager für den Treibstoff waren aber weiter weg. Es mussten ferner die Tankstellen für die Autos versorgt werden, diese schossen damals wie Pilze aus der Erde. Diese Treibstoffversorgung war damals nur mit der Eisenbahn zu bewältigen gewesen. Hierfür brauchte man viele Kesselwagen. Ende der 30er Jahre kam die Kriegsvorbereitung hinzu, auch hier waren Kesselwagen für die Treibstoffversorgung von Nöten.

Insbesondere für die größeren Treibstoffverbraucher (Marine, Luftwaffe und Panzer) waren größere Mengen Treibstoff gefragt. Da genügten 2-achsige Kesselwagen nicht mehr. So kam man auf die Idee, 4-achsige Kesselwagen mit 63 m³ Volumen entwickeln zu lassen, unter der Vorgabe, möglichst wenig Material zu verbauen und zugleich die Wagen leichter zu machen, damit die geforderten 63 m³ auch transportiert werden konnten. Zwei westdeutsche Firmen machten sich an die Entwicklung: Die Firma Westwaggon in Köln-Deutz und Uerdingen in Krefeld. Heraus kamen die sogenannten Leichtkesselwagen der Bauart Deutz und Uerdingen. Die Deutzer nutzten den Kessel als Verbindung zu den Drehgestellen während die Uerdinger einen leichten Hilfsrahmen zusätzlich einbauten. Von beiden Bauarten wurden im Krieg ab 1941 knapp 6.500 Wagen ausgeliefert, davon 2.300 Ürdinger, die meisten Wagen erhielt die Tarnfirma WiFo, die die Wehrmachtsversorgung mit Treibstoffen übernahm.

Im Krieg wurde der Kesselwagen vornehmlich zur Versorgung der Wehrmacht in halb Europa eingesetzt und dementsprechend auch verstreut. Dort, wo man die Kesselwagen auffand, kamen sie zur der jeweiligen Staatsbahn. So kam es, dass viele Nachbarbahnen die Kesselwagen einsetzten.

Gebaut wurde der Kesselwagen mit Bremserhaus und Bremserstand. Nach dem Krieg waren die Blechbremserhäuser oftmals verschlissen und man hat sie abgebaut. Einheitlich war die Bauweise der Uerdinger: auf einem geschweißten Untergestell kam der geschweißte Kessel, wobei die Aufstiegsleitern je nach Baulos schon mal abweichen konnte. Teilweise hatten die Kessel auch Heizschlangen.

Nach dem Krieg war keiner der Wagen mehr im Eigentum der DR, sondern im Besitz von Mineralöl-Firmen oder Chemischen Werken oder Wagen-Verleihfirmen. Ca. 600 Wagen gelangten in den Besitz von Wagenverleih-Firmen wie VTG oder IVG. Bei der DR gingen alle Wagen in den Staatsbahnbestand auf, die sie z.T. an VEB vermieteten. Der letzte Einsatz der Wagen war im Jahre 2000.

Der Kesselwagen wurde zum Transport von brennbaren Flüssigkeiten, Heizöl, Teer und Schweröl eingesetzt; alle Kessel hatten ein Ladevolumen von 63 m³.

Modell

Kesselwagen waren schon immer gerne produzierte Güterwagen der Modellbahnhersteller. Oftmals nach dem Motto: Je bunter desto besser. So kommt es, dass nicht alle Kesselwagen in N ein reales Vorbild haben, da auch mehrere Bauarten vermengt wurden. Die schönen und bunten Kesselwagen erweisen sich großer Beliebtheit, daher ist hier ein schöner Beweis, dass nicht immer alles zu 100% korrekt umgesetzt werden muss, solange es gefällt.
Leichtbau-Kesselwagen waren schon immer im Visier der Modellbahn-Hersteller: Vorreiter war diesmal Minitrix, die schon 1965 den ersten Kesselwagen der Bauart Deutz herstellten. Der Kessel war bedrucktes Blech; die Drehgestelle mit dem Kessel verschraubt. Alle Wagen hatten kein Bremserhaus. Es gab vier Varianten der Firmen SHELL, Mobiloil, ARAL und FINA. 1973 verschwanden sie wieder aus dem Katalog. Gut erhaltene Modelle dieses Typs sind heute gesuchte Sammlerstücke. Die zweite Firma, die sich mit Leichtbaukesselwagen beschäftigte, war der VEB Piko in der DDR, der die Variante mit Blechbremserhaus herausbrachte. Die Wagen wurden von 1970 bis ca. 1986 produziert und es gab 13 Varianten, je fünf bei der DR und DB eingestellt und 3 im Ausland (2 CSD und 1 MAV).

Minitrix Shell Wagen

Piko BP Wagen

Umso erfreulicher war der Entschluss von BRAWA, einen realen Kesselwagen zu produzieren, der beim Vorbild auch häufiger war. Pate bei der Entwicklung des Wagens war sein HO-Pendant der Firma, der 2013 erstmals erschien. Vorgestellt wurde der Wagen als Neuheit in N bei der Spielwarenmesse 2017 in Nürnberg, im Januar 2018 kamen die ersten Wagen in den Handel.

Gleich die erste Serie, die in den Handel kam, bestand aus neun Varianten. In Nürnberg 2018 wurden weitere sieben Beschriftungsvarianten vorgestellt. Von diesen 16 Kesselwagen waren 1 der DRG, 8 der DB, 4 der DR und 3 ausländischen Bahnen zugeordnet. Schwerpunkt ist Epoche III: 11 Varianten gibt es, ferner wurden 4 Kesselwagen aus Epoche IV und einer aus Epoche II angekündigt. 3 Wagen davon haben ein Blechbremserhaus. Getestet wurden die Kesselwagen VTG #67701 und BP #67708 mit Bremserhaus.

Als einer der wenigen Kesselwagen hat BRAWA dem Wagen ein durchbrochenes Fahrgestell spendiert. Dies erforderte wegen der Kurzkupplung besondere Kniffe, um das durchbrochene Fahrgestell zu bewahren. Gelöst wurde das, in dem man den Kurzkupplungsmechanismus unter die Kesselsättel versteckte.

Alle 9 bisher vorgestellten Varianten basieren auf dem gleichen Grundmodell: Bei allen Wagen ist der Kessel, das Fahrgestell und die Bremserbühne identisch. Es ist wirklich ein Genuss, den Wagen von allen Seiten zu betrachten: Feine Aufstiegsleitern und Bühnengeländer. Auf dem Kesselscheitel hat BRAWA die Entlüftungshutze nicht vergessen. Die Wagen rollen leicht und sind auch mit der Standard-Kupplung erfreulich kurz gekuppelt. Die Umsetzung in Perfektion hat bei einem Modell den Nachteil, dass ein Geländer etwas krumm ankam, dies kann aber behoben werden.

Fast 50 Jahre Entwicklungsgeschichte sieht man bei dem Foto 9: Der Piko-Kesselwagen (rechts) wurde 1970 konstruiert. Zweifellos ist er im Vergleich zur BRAWA- Neuheit viel zu wuchtig geraten.

Zum Schluss noch ein Bild der beiden Konkurrenten aus dem Krieg: Die Bauart Ürdingen (BRAWA) und Deutz (Liliput). Beim Vorbild waren die Deutzer häufiger als die Ürdinger zu sehen.

Einsatz auf der Modellbahn

Der Kesselwagen ist universell einsetzbar: Als Ganzzug, so etwa mit 15 bis 20 Kesselwagen, oder aber auch als Einzelwagen im Nahgüterzug bzw. in der Übergabe. Vorherrschend sollten dabei wie beim Vorbild die grau-schwarzen Kesselwagen sein; ein bunter kann schon mal darunter sein. Kurz: ein Muss für jeden Epoche II bis IV- Fahrer.

Ausblick

Kesselwagen eignen sich bestens für viele farbenfrohe Varianten, nur dass beim Vorbild es früher nur wenige bunte Kesselwagen gab. Viele Kesselwagen waren von der VTG längerfristig vermietet; die Mineralölfirmen hatten dann meistens ihr Firmenlogo auf einer Platte aufgebracht, die seitlich am Kessel hing. Damit konnte der Kesselwagen bei Rückgabe an den Eigentümer beim Vorbild einfacher in den Ursprungszustand gebracht werden. Das ist in N noch nicht realisiert; vielmehr sind alle Firmenlogos am Kessel direkt angebracht. Vielleicht eine Anregung an BRAWA: Man könnte ein Vorbildfoto der jeweiligen Variante in die Modellbeschreibung einfügen, was Diskussionen über den Kesselwagen erübrigt. Da gibt es für BRAWA noch viel zu tun.

Was mich ein wenig stört, ist die Verpackung der BRAWA-Modelle. Die Einheitsverpackung bringt es auf für N stattliche 31,8 cm³ Volumen, etwa das 2,8 fache einer Minitrix-Verpackung des gleichen Kesselwagens. Für Sammler natürlich ein Vorteil, die Verpackung der Spur N Einzelwagen ist stets gleich. Somit ist die Verpackungsfrage eine reine Geschmackssache.

Klaus Kosack

Lit.: St. Carstens/ H. Westermann, Güterwagen Bd. 7, Kesselwagen für brennbare Flüssigkeiten, Nürnberg 2014

St. Carstens (Hrsg.), Mineralöl-Kesselwagen, MIBA- Report, Nürnberg 2015

Die bei DM-Toys erhältlichen 4-achsige Kesselwagen von BRAWA finden Sie hier.

Zurück