05/2015 von

Der neue 4-achsige Kühlwagen von Liliput

Über das Vorbild

Zur Versorgung der Truppen und Bevölkerung brauchte die Reichsbahn im zweiten Weltkrieg Kühlwagen, die billig in großen Serien hergestellt werden konnten. 1942/43 wurde der 2-achsige T(hs) Berlin – später T(e)hs 42 – in 1.790 Exemplaren gebaut. Diesen Wagen gab es als Modell von Arnold. Zur schnelleren Versorgung sollten auch 4-achsige Wagen, die für 120 km/h zugelassen waren, gebaut werden. Es wurde allerdings nur ein Probewagen 1942 gebaut, weil die 2-achsigen Kühlwagen vermutlich universeller eingesetzt werden konnten. Der neue Wagen der Bauart GGkhs Berlin, bzw. später TT(hs) Berlin, hatte für den Transport tiefgekühlter Lebensmittel zwei unabhängige Kühlkammern und sechs Ladeluken für die Eisbehälter auf jeder Seite. Außerdem hatten die Wagen im Inneren am Ende Eiswasserbehälter zum Transport von Frischgut.


TThs Berlin der Deutschen Reichsbahn

1949 beschaffte die Reichsbahn (West) weitere 21 Kühlwagen nach den Plänen von 1942, die als TThs Berlin 4002 bis 4022 eingereiht wurden. Die Wagen liefen alle mit der Drehgestell-Bauart 925, die auch bei anderen Güterwagen aus der Kriegszeit (z.B. GG Bromberg, SS Köln) verbaut waren. Die Wagen konnten mit 36t beladen werden.
1951 bekamen die Wagen die Bauartbezeichnung TThs 43 mit den Nummern 308 100 bis 308 121. Bis 1962 blieben sie nahezu unverändert in Betrieb. 1963 wurde ein Großteil der Wagen ausgemustert, einige wenige wurden noch umgebaut. Da die Wagen noch relativ jung waren, hat man ein Teil der Wagen an private Unternehmen verkauft oder vermietet. 1968 bekamen noch zwei Wagen die neue Bauartnummer Iach(r)s 417.

Maßskizze des TThs 43

Im Jahre 1977 schied der letzte Wagen dieser Bauweise aus dem Betriebsbestand aus. Damit war dieser Universal-Kühlwagen ein ausgesprochener Exot, der ganze 0,6 Prozent des gesamten Kühlwagenbestandes der DB von 1952 umfasste.


Das Modell

Neuentwicklungen von Güterwagen der Regelbauart, die ab Epoche II einsetzbar sind, waren in den letzten Jahren eher Mangelware. Die letzte Neuentwicklung eines Regelgüterwagens stammte aus dem Jahre 2011 und war der gedeckte Güterwagen „Bremen“ von Brawa.

Bereits bei der Messe 2014 in Nürnberg kündigte Liliput den TThs 43 als Neuheit an. Zur Messe 2015 wurden zwei zusätzliche Farb- und Beschriftungsvarianten, ein blauer Selters- und ein beiger Apollinaris-Privatwagen in Epoche IV angekündigt. Seit Mai 2015 ist dieses Wagen-Trio im Handel. Pate zu der Neuentwicklung waren die H0-Wagen von Liliput.
Das Wagenmodell hat eine LüP von 103mm und ist damit um 1mm zu kurz, was den leicht gekürzten Puffern geschuldet ist, denn der Wagenkasten selbst ist maßstäblich. Auch der Drehzapfenabstand wie der Achsstand der Drehgestelle sind maßstäblich. Auch bei den Höhenmaßen konnten keine Abweichungen festgestellt werden. An den Wagenenden sind feine Griffstangen montiert; nur das Geländer des Handbremsenstandes hätte etwas feiner ausgeführt werden können, war aber wohl ein Kompromiss zur Betriebssicherheit. Leider zeigen die Drehgestellblenden die verkürzten Schaken, hier hätten längere Schaken nachgebildet werden müssen, da ja dieser Kühlwagen für 120 km/h zugelassen war. Dieses Detail sieht man aber nur mit der Lupe.
Der Wagen verfügt über eine Kurzkupplungskulisse. Mit den gelieferten Radsätzen überfährt der Wagen alle getesteten Weichenstraßen anstandslos. Damit ist er problemlos auf allen Anlagen einsetzbar.



TThs 43 von Liliput

Der Wagen TThs 43-308 112 (#L265651) stammt aus der Nachkriegslieferung von 1949. Er trägt das REV- Datum 14.5.64 und ist damit als Epoche III-Fahrzeug einzuordnen. Der Wagen ist matt weiß lackiert und trifft ganz gut den Orginalfarbton.

Von den beiden anderen Wagen konnte nicht ergründet werden, ob sie authentisch sind. Vorbildfotos der Wagen mit Apollinaris-Aufschrift bzw. Selters konnten nicht gefunden werden. Auszuschließen sind sie jedoch nicht.
Der blaue Wagen 864 0 001-1 (#265654) mit dem Firmenlogo „Selters“ zeigt einen Wagen vom Heimatbahnhof Löhndorf (Lahn), wo auch der Mineralbrunnen liegt. Nicht gefallen kann das fehlende „N“ aus dem Logo-Unterzeile „AUS SELTERS AN DER LAH(N)“. Epochengerecht hat der Ortsname eine vierstellige Postleitzahl.


Privatwagen Selters

Der beige farbige Wagen 864 0 003-7 (#265657) hat die Aufschrift „Apollinaris - THE QUEEN OF TABLE WATERS“. Heimatbahnhof ist Hamburg-Rothenburgsort, nicht Bad Neuenahr, der Sitz der Mineralquelle. Der Wagen trägt das REV-Datum 2.7.77, das gleiche Datum trägt auch der Selterswagen.


Privatwagen Apollinaris

Zumindest gab es einen Privatwagen der früheren Bauart TThs 43 mit der Aufschrift „Staatlich Fachingen“. Dieser Wagen war eher ein Werbewagen und stand überwiegend im Bahnhof Fachingen. Man hatte aber den Wagen für den Transport von Mineralwasser umgebaut, so fehlen u.a. die acht Eisluken auf dem Dach. Außerdem wurden die Türen verbreitert (Zweiflüglige Türen), damit die Paletten mit Mineralwasser auch verladen werden konnten.

Einsatz auf der Anlage

Wohl in den seltensten Fällen haben Modellbahner so viel Platz, dass sie einen glaubwürdigen Empfänger oder Versender von Lebensmittel aller Art für viele Kühlwagen darstellen können. Daher ist am besten, den Wagen entweder einem Kühlwagenzug, der auf Durchfahrt ist, einzustellen oder als Stückgutwagen einem Nahgüterzug bei zu geben. Da der Wagen eher ein Exot war, genügen auch wenige Wagen des TThs 43. Die Wagen mit Apollinaris- und Selters-Aufschrift sind für meinen Geschmack eher Sammlerstücke, da deren Existenz nicht eindeutig nachgewiesen werden kann. Trotzdem geben sie einen netten „Farbtupfer“ im sonst eher etwas tristen grau/weißen Bild der Kühlwagen-Ganzzüge ab. Im Übrigen harmonisiert der Neue ganz gut mit Kühlwagen anderer Hersteller, wie z.B. auf den beiden Bildern mit Arnold-Kühlwagen.


Größenvergleich Kriegsgüterwagen TThs 43 und Ths 42 (Arnold)


Größenvergleich TThs 43 und Temhs 50 (Arnold)

Mein Fazit

Liliput hat erstmals seit längerem einen Regelgüterwagen der Kriegsbauart für N neu entwickelt, den es bislang noch nicht gab. Zwar ist es ein Kühlwagen, der beim Vorbild selten war, aber auf Anlagen sicher ein Hingucker ist. Als Pate stand der H0-Wagen des gleichen Herstellers, so wurden auch dessen kleine Fehler „mit kopiert“. Leider macht die Euro-Krise den Produktionsstandort China inzwischen auch teuerer, so dass der Verkaufspreis im obersten Segment angesiedelt ist.

Die Auswahl des Modells stellt einen erfreulichen Aspekt dar, wenn man schaut, welche Liliput-Güterwagen in H0 angeboten werden bzw. wurden, die es als N-Modell noch nie gab oder nicht mehr gibt. Da fallen mir z.B. die Güterwagen der Austauschbauart ein. Gleiches gilt nebenbei bemerkt ebenfalls für Personenwagen!

Klaus Kosack

Literatur:
U. Kandler, Lahntalbahn- Sonderausgabe Eisenbahn- Journal III/1985
S. Carstens/ H.U. Diener, Güterwagen Bd. 2, Nürnberg 1989
DB Hrsg., DV 939d, Ausgaben 1948, 1952 und 1967
S. Carstens/ H.U. Diener, Güterwagenbestände der DB 1952 bis 1970, Reinheim 1991

Bei DM-Toys sind die Wagen unter L265651, L265654 und L265657 lieferbar.

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