09/2015 von

Dapol Super-Creep Motor in Pannier Dampflok

Very British – Die Dampflok 5700 Class Pannier GWR 6746 von Dapol

Seit einiger Zeit wirbt die in Wrexham im Nordosten von Wales beheimatete Modellbahnschmiede Dapol mit einem „Super Creep Motor“ in ihren Triebfahrzeugen. Was das besondere an diesem Motor sein soll, wird allerdings nicht gesagt. Wenn der N-Bahner diesen Begriff übersetzt, könnte er darauf hoffen, dass er eine Lok erhält, die „super kriechen“ oder „super schleichen“ kann. Das veranlasste uns, ein solches Fahrzeug genauer unter die Lupe zu nehmen.

Das Vorbild

Die „Pannier-Tank“-Lokomotiven waren fast ausschließlich bei der Great Western Railway (GWR), einer  britischen Eisenbahngesellschaft, die von 1833 bis 1947 existierte, und London mit Südwestengland, Westengland und Südwales verband, im Einsatz. Charakteristisch für diesen Loktyp sind die großen, bis in die Höhe des Kesselscheitels reichenden seitlichen Wasserkästen und die innenliegende Steuerung. Insgesamt wurden zwischen 1929 und 1950 863 Loks dieses Typs gebaut.

Die Optik

Die kleine Lok zeigt ein sehr gelungenes Gesamterscheinungsbild und ist hervorragend detailliert, lackiert und beschriftet. Besonders erwähnenswert sind die extrem feinen, aber trotzdem stabilen und bruchsicheren Handläufe und -griffe, die größenrichtigen Nietreihen, die seidenmatte, saubere Lackierung, die Nachbildungen der Original-Zughaken, die Bremsschläuche und die vorbildgetreu sparsame, aber randscharfe Beschriftung. Besonders gut gelungen ist das GWR-Emblem auf den Wasserkästen. Für „deutsche Augen“ ungewohnt ist das Fehlen einer sichtba-ren Steuerung. Wie beim großen Vorbild sind die Treibräder nur durch eine Kuppelstange verbunden. Seltsam – Loklaternen sind am Modell keine zu finden. Allerdings auch nicht beim Vorbild, wie der Autor beim Betrachten vieler Fotos im Internet gesehen hat. Wer Genaueres dazu wissen will, dem sei die Lektüre der Seite http://75355.homepagemodules.de/t1860f32-Lampen-an-steam-locomotive.html empfohlen.


Die Technik

Die Spannung war groß, als die kleine Engländerin erstmals dort stand, wo sie eigentlich hingehört, nämlich auf dem Gleis. Was würde der „Super Creep Motor“ zustande bringen? Vorsichtig wurde der Regler aufgedreht, und bei einer Fahrspannung von bereits 1,2 Volt, setzt sich die Lok weich in Bewegung. Die dann anliegende Geschwindigkeit von umgerechnet 27 km/h ist kein schlechter Wert, aber das können andere Loks mit „Normalmotor“ besser. Und bei höherer Fahrspannung wird auch die Pannier zu einer „Rennsemmel“. Niemand wird aber ja gezwungen, den Regler (zu) weit aufzudrehen... Erfreulich: die geringe Geräuschentwicklung, die auch bei höherer Geschwindigkeit nicht viel größer wird. Zu Beginn der Testfahrten störte noch ein leichtes Kratzen, dass aber nach kurzer Einfahrzeit deutlich geringer wurde.

Weniger schön: die „Pannier“ taumelt leicht, aber vor allem bei Langsamfahrt deutlich sichtbar, um die Hochachse. Die Fine-Scale-Räder mit ihrem sehr niedrigen Spurkranz sorgen dafür, dass sie auf Code-80-Weichen und –DKWs immer wieder einmal ins Schaukeln kommt. Trotzdem nimmt sie Standard-Weichen mit Kunststoff-Herzstück auch bei langsamer Fahrt ohne Stromabnahme-Probleme, DKWs machen ihr dabei allerdings Schwierigkeiten. Sie bleibt dann trotz Verzicht auf Haftreifen oft einfach stehen. Hier macht sich negativ bemerkbar, dass es der zu kleinen Schwungmasse nicht gelingt, ein wirklich dynamisches Fahren zu erzeugen.

Ausgerüstet ist die 32 Gramm schwere Lok mit Standard-N-Kupplungen im Normschacht aber ohne Kurzkupplungskulisse und einer sechspoligen Digitalschnittstel-le. Kupplungsköpfe anderer Systeme liegen bei (siehe Foto) – ein bemerkenswerter Service.



Wartung und Pflege

Die Betriebsanleitung liegt nur in englischer Sprache bei und ist recht knapp gehalten. Sie besagt, dass die im Werk vorgenommene Schmierung für ca. 30 Betriebsstunden reicht, und dass dann vom N-Bahner nachgeölt werden sollte, und zwar an den nach unten offen liegenden Zahnrädern und (Achtung!) an den Achsenden. Vermutlich sind die entsprechenden Pfeile in der Zeichnung „verrutscht“ und es sind eigentlich die Kurbelzapfen der Räder gemeint.

In Großbuchstaben gedruckt: DER MOTOR SOLL NICHT GEÖLT WERDEN.

Und (irgendwie lustig!): Ein Mangel an Öl kann zum Verlust des Garantieanspruches führen. Wie bemerkte Obelix doch einst so schön: „Die spinnen, die Briten“...

Das Öffnen der Lok bezieht sich nur auf das Abnehmen des Führerhauses, um einen Decoder einzusetzen. Das klappt auch in der Praxis problemlos. Wie man an den Motor kommt, ob es den und auch Anderes als Ersatzteil gibt, darüber schweigt sich die Anleitung allerdings aus. Ebenso darüber, wozu die vielen, teils winzigen Zurüstteile angebracht werden sollen, und wozu der beiliegende Sechskant dienen soll.


Das Fazit

Für angemessene knapp einhundert Euro erhält der anglophile N-Bahner ein optisch wunderschönes und auch voll betriebstaugliches, kleines Lokmodell. Die Erwartungen, die die Bezeichnung „Super Creep Motor“ weckt, werden allerdings nicht erfüllt. Die kleine Lok kann langsam fahren, aber wirklich kriechen kann sie nicht. Und auf Code-80-Gleisen und v.a. –Weichen fühlt sie sich wegen ihrer Finescale-Räder nicht so richtig wohl. Für weitere Dapol-Modelle wäre eine etwas ausführlichere Betriebsanleitung wünschenswert.

Zurück